600 Jahre Roma und Sinti in Deutschland – die Geschichte einer Verfolgung

Die Sinti und Roma wurden Jahrhunderte hindurch abgelehnt und verfolgt, sie mussten nach dem Krieg Jahrzehnte um ihre Anerkennung als Opfer des nationalsozialistischen Völkermords kämpfen und stoßen bis heute überwiegend auf Misstrauen und Ablehnung.

Als die Sinti Anfang des 15. Jahrhunderts in Deutschland einwanderten, waren sie – obwohl das zeitgenössische Urteil über sie nicht besonders gut ausfiel – noch keinen Verfolgungen ausgesetzt. Dies änderte sich jedoch, als die Reichsfürsten und Reichsbischöfe nach dem Fall von Konstantinopel den Feldzug gegen die Türken vorbereiteten. Auf dem Freiburger Reichstag von 1498 bezeichneten sie die Sinti als “Spione der Türken” und “Feinde der Christenheit” und erklärten sie für vogelfrei. Diese Vogelfrei-Erklärung ist beispiellos in der deutschen Rechtsgeschichte. Maßgebend dafür war die Angst vor den Türken, die am Ausgang des 15. Jahrhunderts geradezu hysterisch anmutende Ausmaße annahm. Zur Durchsetzung dieses Reichstagsbeschlusses wurden von den Landesfürsten sogenannte “Zigeunergesetze” erlassen, in denen den Sinti bei Androhung von Leibesstrafen, die vom Verprügeln über das Brandmarken bis zum Hängen reichten, jeglicher Aufenthalt in den betreffenden Territorien untersagt wurde. Sie wurden überall vertrieben und dadurch gezwungen, als recht- und besitzlose Fahrende zu vegetieren. Bald hatten die weltlichen und geistlichen Obrigkeiten keine Zeit und Gelegenheit mehr, sich intensiv mit der “Zigeunerfrage” zu befassen. Während des Dreißigjährigen Krieges, der den Sinti zynischerweise zugute kam, verdingten sich viele als Söldner, einige sogar als Offiziere.
Nach dem Ende dieser kriegerischen Zeiten verschlechterte sich ihre Lage jedoch rapide. Mit dem Ende 17. Jahrhundertes wurden sie zunehmend kriminalisiert, verteufelt, verfolgt und in großer Zahl hingerichtet. Diese Verfolgungen sind ganz offensichtlich durch das antiziganistische “Zigeunerbild” begründet und vorbereitet worden, welches verschiedene Chronisten wie Stumpf und Thomasius in den damals erscheinenden Geschichtsbüchern und Chroniken verbreiteten. In diesen Büchern wimmelt es von massiven religiösen Vorurteilen.
So wurden Roma und Sinti mannigfaltige übernatürliche Fahigkeiten unterstellt, außerdem galten sie als verantwortlich für alle möglichen Krankheiten und Katastrophen. Durch ihr erzwungenes “Herumfahren” verstießen sie außerdem gegen die protestantische Arbeitsethik, was ihnen allerhand Verurteilungen als Müßiggänger, Diebe und Räuber einbrachte.

Im 18.Jahrhundert versuchte man im Kontext humanitärer Ideen, Sinti sesshaft zu machen. Ziel war die “Erziehung” der Zigeuner und ihre Integration in die bürgerliche Gesellschaft. Aufklärer wie Christian Wilhelm von Dohm oder Johann Rüdiger kritisierten die bisherige “Zigeunerpolitik” und setzten sich in ihren Schriften für eine vorurteilsfreie Sicht auf die “Zigeuner” ein, es gab einen wirklich aufklärerischen Diskurs über die Zigeuner, der zu ihrer “Emanzipation” hätte führen können.
Doch dazu ist es nicht gekommen. Wesentlich verantwortlich dafür war der Göttinger Historiker Grellmann, der in seinen Schriften alle bekannten antiziganistischen Vorurteile übernahm und durch neue ergänzte. Er war der erste, der den Rassegedanken auf die “Zigeuner” anwandte; er erklärte sie zu einem “orientalischen Volk”, dessen negative Eigenschaften herkunftsbedingt seien. Grellmann beeinflusste den weiteren Diskurs über die “Zigeunerfrage” entscheidend; zum einen klassifizierte er die Sinti als minderwertiges, weil “orientalisches Volk”, zum anderen “rassisierte” er die bisherigen Vorurteile und Stereotypen.
Auch die Romantiker trugen mit ihrem – allerdings romantisierten, exotisierenden “Zigeunerbild” zur Verbreitung der “rassisierten” Vorurteile bei. Dieser wieder aufkommende Antiziganismus verhinderte eine Emanzipation der Sinti und Roma. Zwar gab es in Deutschland vereinzelte Erziehungsprojekte wie in Friedrichslohra bei Nordhausen, die aber aufgrund von Zwangsmaßnahmen wie einer gewaltsamen Trennung der Kinder von den Eltern oder Zwangsarbeit und fehlenden Perspektiven den Widerstand der Roma und Sinti provozierten und somit scheiterten. Generell gingen die Behörden dazu über, Zwangsmaßnahmen gegen die Sinti anzuwenden, um sie sesshaft zu machen.
Das hausgemachte Scheitern solcher Erziehungsprojekte trug dazu bei, dass sich die These von der vererbten “rassisch” bedingten Minderwertigkeit und Unverbesserlichkeit der Zigeuner durchsetzte. Dieses Bild wurde durch die Kriminalbiologie, die in den Roma und Sinti schlicht eine “Rasse von Verbrechern” sah, noch ergänzt.

Seit Beginn des Kaiserreichs ging es dem deutschen Staat weniger um die Integration als um die Ausgrenzung der Sinti und Roma, was sich auch in der Weimarer Republik fortsetzte. Alle in Deutschland lebenden Sinti und Roma sollten polizeilich erfasst werden, ihre “zigeunerische Eigenschaft” wurde in Pässen und Ausweispapieren vermerkt. Zudem wurden zahlreiche Einschränkungen erlassen, die neben der Berufsausübung und Bewegungsfreiheit auch das elterliche Erziehungsrecht umfassten. Schließlich wurden “Arbeitsanstalten” errichtet, in denen Sinti und Roma, die keinen Nachweis einer geregelten Arbeit erbringen konnten, Zwangsarbeiten verrichten mussten. Sinti und Roma waren damit auch schon in der Zeit vor dem Nationalsozialismus eine Bevölkerungsgruppe, die aus primär rassischen Gründen diskriminiert, entrechtet und überwacht wurde.

Im Nationalsozialismus wurden die Einschränkungen weiter ausgeweitet. Die “Nürnberger Rassegesetze” von 1935 zielten in erster Linie gegen die Juden, galten aber von Anfang an auch für Roma und Sinti. Seit 1936 errichtete das Reich verstärkt “Zigeunerlager”, oder baute vorhandene aus. In einem 1938 veröffentlichten Erlass forderte Himmler dazu auf, “die Regelung der Zigeunerfrage aus dem Wesen dieser Rasse heraus in Angriff zu nehmen”, also sie zu vernichten. Doch dazu benötigten die Kriminalpolizisten der “Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens” die Hilfe der “Rassenhygienischen und Erbbiologischen Forschungsstelle im Reichsgesundheitsamt”unter der Leitung des Wissenschaftlers Robert Ritter. Ritter sollte durch seine “rassenbiologischen Forschungen” alle deutschen Roma und Sinti erfassen und klassifizieren. Zu diesem Zweck führte das Institut umfangreiche Untersuchungen durch, wobei sie von staatlichen Behörden und den Kirchen (durch Herausgabe der Kirchenbücher) bereitwillig unterstützt wurden. Die so erfolgte Erfassung der

30.000 deutschen Sinti und Roma war Voraussetzung der weiteren Verfolgung undVernichtung. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion erhielten die “Einsatztruppen” der Wehrmacht im August 1941 den Befehl, “Juden, Zigeuner und kommunistische Funktionäre” zu erschießen. Im Dezember 1942 ordnete Himmler die Deportation der Sinti und Roma nach Auschwitz an. Insgesamt, so wird von den Historikern geschätzt, fielen 500.000 Sinti und Roma dem Holocaust zum Opfer.
Die wenigen, die Auschwitz überlebt hatten, wurden in ihren ehemaligen Wohnorten nicht gut aufgenommen und betreut, Ortsfremde mussten weiterziehen, und den meisten wurde die Anerkennung und Entschädigung als rassisch Verfolgte verweigert. Im Nachkriegsdeutschland hielten es weder die Siegermächte, noch die besiegten Deutschen für notwendig, den Antiziganismus und den Völkermord an Roma und Sinti zu thematisieren. In der BRD wurden die Verfolger vielmehr in “Zigeunerpolizeistellen”, die jetzt in “Landfahrerzentralen” umgetauft wurden, weiter beschäftigt. Diese bemerkenswerte personelle Kontinuität wurde kaum wahrgenommen, geschweige denn kritisiert. “Wiedergutmachung” wurde den Roma und Sinti durch Gesetz jahrelang verwehrt, vielmehr wurden alle Maßnahmen gegen sie als “Asoziale” bis in die 60er Jahre von Rechts wegen gebilligt.

Dieser Zustand der Ausblendung der deutschen Vergangenheit und Missachtung änderte sich erst in den achtziger Jahren, als die Sinti und Roma begannen, sich selbst zu organisieren und für ihre Rechte zu kämpfen. Doch noch immer ist die Ignoranz gegenüber Antiziganismus und seinen Ausmaßen groß. Heute sollen Roma-Flüchtlinge, die 1999 unter den Augen der Kfor von der albanischen UCK aus dem Kosova vertrieben wurden, aus Deutschland abgeschoben werden. Damit werden sie ihren Verfolgern wieder ausgeliefert.

Jana Seppelt (ZAG)

Informationen aus:

  • Landeszentrale für politische Bildung Baden Württemberg: “Zwischen Romantisierung und Rassismus“. Sinti und Roma – 600 Jahre in Deutschland
  • Wolfgang Wippermann : Wie die Zigeuner - Antisemitismus und Antiziganismus im Vergleich, Berlin / Elefanten Press, 1997 
  • Unterlagen der Gesellschaft für Antiziganismusforschung e.V.