Menschenhaut statt Geschichte

Ein Essay von Dr. Rajko Djurić

In Oberwart(Österreich) starben Erwin Horwarth, Karl Horwarth, Peter Sarkösi und Josef Simon. Sie sind zu einem neuen Kreuz geworden, vor dem die Wahrheit verkündet wird: Neonazis haben Roma ermordet!

Menschen, die von Freundschaft und Liebe nichts wissen, bewaffnet mit dem Wissen um Ausrottung, haben die Kraft ihrer Unmenschlichkeit erprobt. Die Höllenmaschine, die sie am Weg installierten, in der Nähe einer Roma-Siedlung, ist so laut explodiert, daß man es in ganz Europa hörte.

Aus dem Höllenrachen ist wieder das Bild von Auschwitz aufgetaucht und mit ihm die Frage: müssen wir denn wieder schwarze Milch trinken, morgens und abends, mittags und um Mitternacht? Was haben wir heute, fünfzig Jahre nach Auschwitz, aus der Geschichte gelernt? Warum dürfen sich wieder diejenigen politisch organisieren und handeln, die die unverhüllte Absicht haben, Menschenrechte und -freiheiten zu Staub und Asche zu machen?

Faschisten und Nazis stehen nicht nur vor der Tür. In mehreren Ländern Europas sitzen sie als Abgeordnete in den Parlamenten, haben Positionen in den Regierungen erobert, haben Macht in diversen Institutionen; sie errichten in aller Öffentlichkeit neue Konzentrationslager, foltern und töten Menschen, wie es einst während des Nazismus und Stalinismus geschah.

Die Roma waren stets die erste Zielscheibe. Das Kreuz, an dem die Namen von Peter, Karl, Erwin und Josef stehen, ruht auf den Gebeinen vieler Märtyrer aus unserem Volk. Ich verweise auf einige Beispiele: in Jugoslawien, im Dorf Torjanci in der Baranja, wurden in einer Novembernacht 1991 elf Roma erschlagen: Miso Bogdan, Tiomir Ivanović, Josip Bogdan, Drago Kalanji, Dalibor Balog, Lazo Bogdan, Mile Petrović, Boska Petrović, Adam Zeljko und Ruso Kles. In der Tscheslowakei wurden vor drei Jahren 28 junge Roma ermordet; in Rumänien wurden Dutzende Roma-Siedlungen niedergebrannt und mehrere Roma durch Neofaschisten umgebracht; in Deutschland waren vor und nach den schlimmen Ereignissen in Rostock die Opfer ebenfalls Roma. Es gibt fast kein Land in Europa, dessen Boden seit 1990 nicht vom Blut und den Tränen der Roma getränkt wurde.

So war es am Vorabend des zweiten Weltkrieges. Die Roma wurden in vielen Ländern offen oder insgeheim verfolgt, verhaftet, gefoltert und getötet. Außer ein paar Philantropen und Dichtern hat niemand dem Beachtung geschenkt oder Bedeutung beigemessen. Historisch betrachtet, ist die Ermordung der Roma die Einleitung zum allgemeinen Leiden, die Gewöhnung an tägliche Menschenopfer für die Götter von Hass und Krieg.

Wollte man alle Roma-Opfer in diesem Jahrhundert aufzählen, so entstünde, wie ich fürchte, eine erschreckende Enzyklopädie des Todes.

Diese noch nicht geheftete und gebundene Enzyklopädie des Todes ist der Geschichte der europäischen Völker und Staaten. Wenn wir in ihr blättern, entdecken wir viele Roma des Namens Horvat, die in Auschwitz umkamen: Mirko Horvat, Jovan Horvat, Jelena Horvat, Ivan Horvat, Ilona Horvat.... In der silbernen Asche von Auschwitz und Treblinka, Buchenwald und Dachau, Bergen-Belsen und Mauthausen blieben viele Roma mit Namen Karl und Erwin, Peter und Simon. Vom Säugling bis zum Greis.

Wenn ich über die Geschichte der Roma nachdenke, die wie ein großes Kreuzworträtsel des Todes erscheint, habe ich immer den Buchenwald-Häftling Louis Simon vor Augen. Er, ein Rom, wurde aus Frankreich in dieses Lager deportiert, in dem etwa zehntausend Roma und Sinti interniert waren. Sein Körper war tätowiert. Als das bemerkt wurde, erging der Befehl, ihm eine spezielle Flüssigkeit zu injizieren. Sein Körper -so haben es Donald Kenrick und Grattan Puxon beschrieben- pumpte sich auf wie ein Luftballon. Danach wurde die tätowierte Haut abgezogen und präpariert und der Schreibtisch des Lagerkommandanten damit bezogen.

Ich versuche mir die Zeichnungen und Symbole vorzustellen, die auf die Haut dieses Märtyrers tätowiert waren, die ich wie eine Geschichte der Roma und Sinti erlebe. Wenn ich in dieser noch ungeschriebenen Geschichte blättere, in der die Namen der Roma und Sinti Zeichen auf der Uhr des Todes sind, glaube ich zu hören, wie sich Simon aus Buchenwald und Simon aus Oberwart unterhalten.

"Warum wurdest du getötet?" fragt der Simon aus Buchenwald.

"Ich weiß es nicht", sagt der Simon aus Oberwart. „Hast du vielleicht die Wahrheit erfahren?"

"Nein. Vor uns haben sie die Wahrheit über uns getötet", sagt der Simon aus Buchenwald.

Dieses virtuelle Gespräch stellt mich vor die Frage: wer wird unsere ermordete Wahrheit auferstehen lassen? In welchem Grab ruht sie? Wer hat sie ermordet, wie und in wessem Namen?

Die Antworten auf diese Fragen müssen wir gemeinsam suchen.

Bevor wir uns an diese gemeinsame Arbeit machen, schauen wir uns das Leben und die Dinge ringsum an: wieviele Roma-Schüler, -Studenten und -Lehrer gibt es an Gymnasien und Universitäten? Wieviele davon bekommen Stipendien? Gibt es an Universitäten und wissenschaftlichen Institutionen einen einzigen Rom, der die Möglichkeit hat, die Wahrheit über sein Volk frei zu erforschen? Gibt es an den Gerichten Roma-Richter und -Beisitzer? In wievielen Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehsendungen werden die Fragen, Sorgen und Leiden dieses Volkes behandelt? Gibt es wenigstens einen Vertreter dieses Volkes in parlamentarischen und staatlichen Institutionen? Oder wenigstens einen Pförtner, Telefonisten oder Schreiber? Wird der Name dieses Volkes wenigstens einmal jährlich auf Parlamentstagungen erwähnt? Hat je eine Kirchenglocke geläutet, um die Existens diese Volkes unter dem Himmelsgewölbe anzuzeigen?

Solange es in der Legislative, Exekutive und Jurisdiktion keinen Vertreter diese Volkes gibt, ist es faktisch rechtlos. Während die Nazis und Faschisten zahlenmäßig und in jeder anderen Hinsicht dieser und allen anderen nationalen Minderheiten überlegen sind, sind Menschenrechte und demokratische Freiheiten ohne Sicherheit, über ihnen hängt das Schwert des Damokles.

Der Wahrheit zuliebe vermeide ich die Sprache der Politik. Ich zitiere Karl Popper: "Das Problem der Demokratie von Anfang an war, einen Weg zu finden, daß niemand zu mächtig wird unter uns." Popper hat im Grunde den Imperativ der Demokratie wiederholt, den schon der Athener Solon formulierte: Niemand werde so stark, um einem anderen Leid zuzufügen!

Osteuropa, vor allem das ehemalige Jugoslawien, ist reich an Beispielen, die beweisen, wie schnell und leicht man in den Dschungel mit seinen Gesetzen gerät. Die von Güte und Menschlichkeit nicht wissen, fanden im Bösen und in der Unmenschlichkeit Sinn und schliffen augenblicklich die Messer; sie hoben neue Gruben aus und füllten sie mit menschlichen Leichen, sie errichteten Konzentrationslager und brachten Millionen Menschen um Heim und Grab, um Lebenssinn und Hoffnung.

Die Roma, an denen jeder seine Macht des Bösen erprobt hat, sind wieder ein Wurm. Ungestraft kann jeder sie vertreiben und töten, als Kanonenfutter benutzen, in Lager deportieren.

Europa und seine Institutionen schweigen. Ebenso die Vereinten Nationen und ihre Organe. 12 Millionen Roma in Europa, 12 Millionen Menschen und Bürger sind um ihre elementarsten Menschen- und Bürgerrechte gebracht. In Südafrika wurde die Apartheid abgeschafft, aber die Roma sind noch gezwungen, in Ghettos zu leben -von Saloniki bis Bukarest, von Rom bis Madrid- Mangel und Hunger zu leiden, Gewalt und Bosheit zu dulden, selbst dann zu schweigen, wenn ihre Häuser in Brand gesteckt, ihre Söhne getötet, ihre Töchter vergewaltigt werden. Man zwingt sie sogar, unter solchen Umständen die Schuld auf sich zu nehmen.

"Vor uns haben sie die Wahrheit über uns getötet", glaubte ich Simon aus Buchenwald sagen zu hören.

Es ist eine Tatsache, daß unter dem Dach der europäischen Insttutionen und der Vereinten Nationen die Tierschutzorganisationen einen besseren Status genießen als die Organisationen von Roma und Sinti. Und dementsprechend haben die erwähnten Organisationen im Gegensatz zu unseren ihre Vertreter in den europäischen Institutionen und der UNO.

Deshalb muß ich daran erinnern, daß die Nazis den Plan hatten die Roma und Sinti als besondere Spezies in zoologischen Gärten zu halten. Im Vorwort zu dem Buch "In Auschwitz vergast, bis heute verfolgt" schreibt Ernst Tugendhat: "Im Dritten Reich galten wir Juden als Untermenschen. Die Zigeuner werden noch heute als Untermenschen zwar nicht offen bezeichnet, aber empfunden und behandelt." Ja, man spürt es auf Schritt und Tritt und jeden Augenblick.

Die Tatsachen aus unserer Geschichte, die zugleich auch die ihre ist, sind erschreckend. Auf unseren Wegen unter dem Nebenhimmel mußten wir Schritt für Schritt die Kreise der Hölle durchmessen. Unter anderen Umständen hätten wir vielleicht Dante Alighieri die Mühe ersparen können.

Ich will sie nicht mit Beispielen aus ferner Vergangenheit bemühen. Ich zitiere den Bericht des Leutnant Walter, Chef der 9. Kompanie des I. Bataillons, 433. Infanterieregiment, 734. Infanteriedivision, vom 1.November 1941. Er lautet: "Nach Absprache mit dem zuständigen SS-Kommando übernahm ich aus dem Belgrader Lager ausgewählte Juden und Zigeuner. Die LKW der Feldkommandatur erwiesen sich als unzweckmäßig aus zwei Gründen:

1. werden sie von Zivilisten gefahren. Damit ist die Geheimhaltung nicht gesichert.

2. haben sie weder Dach noch Planen, so daß die Stadteinwohner sahen, wen wir im Wagen hatten und demnach auch, wohin wir fuhren.

Der Ort, wo wir die Erschießung durchführten, ist sehr geeignet. Er liegt nördlich von Pancevo, direkt an der Strecke Pancevo-Jabuka, wo es eine Böschung gibt, die schwer zu ersteigen ist. Vor der Böschung ist das Gelände sumpfig, dahinter ist ein Fluß. Wenn der Fluß Hochwasser führt, wie am am 29. Oktober, reicht das Wasser fast bis zur Böschung. Die Flucht eines Häftlings ist mit wenigen Männern zu verhindern. Auch der Sandboden ist sehr geeignet, der das Ausheben von Gruben erleichtert, was die Arbeitszeit verkürzt. Bei der Ankunft 1,5 bis 2km vor dem gewählten Ort wurden die Häftlinge ausgeladen und gingen zu Fuß bis ans Ziel und die LKW mit den Zivilisten kehrten zurück, um ihnen keinen Anlaß zum Mißtrauen zu geben. Dann habe ich die Straße aus Sicherheits- und Geheimhaltungsgründen gesperrt. Die Richtstatt wurde mit drei leichten MG und 12 Soldaten gesichert.

Das Ausheben der Gruben dauert am längsten, während die Erschießung sehr schnell geht (100 Menschen in 40 Minuten). Vorher wurden das Gepäck und die Wertgegenstände eingesammelt und auf meinen LKW verbracht, damit ich sie der NSV übergebe. Die Erschießung der Juden ist einfacher als die Erschießung der Zigeuner. Man muß gestehen, daß die Juden sehr gefaßt in den Tod gehen - sie sterben absolut still, während die Zigeuner jammern und und schreien und sich ständig bewegen, selbst wenn sie schon am Ort der Erschießung sind.

(...) Die Erschießung hat meine Soldaten anfangs nicht beeindruckt. Aber am zweiten Tag war zu bemerken, daß einige nicht die Nerven haben, längere Zeit an der Erschießung teilzunehmen. Mein persönlicher Eindruck ist, daß während der Erschießung kein seelischer Widerstand entsteht, aber später, wenn man abends in Ruhe darüber nachzudenken beginnt."

Wieviele solcher Minuten gab es zwischen 1941 und 1945?

Ein Ustascha-Offizier aus dem Lager in Jasenovac, in dem ungefähr 65.000 Roma umgebracht wurden, hat zu einem deutschen Offizier gesagt: "Wir sind praktischer als ihr Deutschen: ihr schießt, aber wir benutzen Schläge, Steine, Seile, ungelöschten Kalk, Dolche. Das ist billiger."

Angelina Hudorović, eine Lagerinsassin aus Jasenovac, hat ausgesagt: "Zuerst zwangen sie meine Nichte, ein Grab auszuheben, während ihre Mutter, meine Schwester, im siebenten Monat schwanger, an einen Baum gefesselt wurde. Ein Ustascha schlitze mit dem Bajonett ihren Bauch auf, zog das Kind heraus und warf es in die Grube. Danach warfen sie meine Schwester hinein und das Mädchen, nachdem sie es mehrere Male vergewaltigt hatten. Sie warfen Erde über sie, obwohl sie noch lebten."

Ivan Iveković, Häftling in Jasenovac bis zum 17.September 1942, schrieb in dem Buch "Nicht bezähmtes Land" folgendes: "Ich sah Ströme von Zigeunern, ihrer Frauen und Kinder, die jeden Tag nach Jasenovac kamen. Sie kamen zur Schlachtbank. Wie unbeschreiblich grauenhaft sind die Szenen des Abschieds der Zigeuner von ihren Frauen und Kindern! Es ist so entsetzlich, daß es jeden Menschen erschüttern und bis ans Lebensende Spuren in ihm hinterlassen muß. Die Zigeunerkinder mit ihrem lockigen Haar und den großen schwarzen Augen sind so reizend! Ihre Ärmchen umklammerten krampfhaft die Mütter und Väter, ihr Weinen drang bis ins Mark. Täglich wurden ganze Waggons solcher kleiner Zigeuner umgebracht. Warum? Niemand wußte es - weil sie nicht seßhaft sind, weil sie Zigeuner sind."

Szenen wie diese gab es in allen anderen Lagern. Aber aus moralischen Rücksichten muß ich besonders den Fall der Familie Mechau aus Auschwitz-Birkenau erwähnen, wo etwa 25.000 Roma und Sinti ermordet wurden. Kinder, die durch eine Laune der Natur eine Heterochromie hatten, fesselten die Aufmerksamkeit von Dr. Mengele. 14 Augenpaare wurden ausgestochen und in einem Gefäß mit Konservierungsflüssigkeit nach Berlin geschickt, wo die Pigmentierung untersucht und dieses Rätsel der Genetik angeblich wissenschaftlich erforscht werden sollte. Mengele, der den Eid des Hippokrates abgelegt hatte, lud die Kinder in sein Auto und fuhr sie persönlich zum Krematorium.

Ganze Teams von Ärzten und Biologen arbeiteten nach Mengeles Anweisung. Die Lüge wurde zur Entdeckung, der Wahnsinn zum "wissenschaftlichen System", um systematisch Menschen zu vernichten, von der Frucht im Inneren der Frau bis zum Kind, das die ersten Worte sprach oder gerade die ersten Schritte tat; vom Menschenwesen, das gerade in den ersten Schlaf versank, bis zu jenem, das im Sterbebett lag.

Neben dem System des Wahnsinns und der Serie der Verbrechen wurde auch das Werk des menschlichen Geistes entwertet und in sein diametrales Gegenteil verwandelt. Selbst die Musik, die "Jungfrau" der Künste. Von Ivekovićstammt die Beschreibung des folgenden Geschehens: "Die Lagerverwaltung zwang Zigeuner und andere Häftlinge, Konzerte zu veranstalten. Unter den Musikern waren echte Virtuosen, ja Professoren von Musikakademien. Man kann sich kaum schlimmere Torturen für jene vorstellen, die jeden Augenblick den Tod erwarteten oder beim Spiel des Häftlingsorchesters der Ermordung und Folterung ihrer Kameraden, Freunde, Verwandten zusahen. Ein Konzert, das Zigeuner für die Häftlinge an einem Junisonntag 1942 veranstalteten, fand zu einem Zeitpunkt statt, da das Gemetzel an den Zigeunern auf dem Höhepunkt war. Im Lager bewegten sich noch verängstigte Zigeunergrüppchen, unter den letzten auch ein Zigeunerchor mit Orchester. (...) Sie sangen beseelt, sie sangen mit Tränen in den Augen, sie sangen für uns alle und für den Himmel und für eine törichte Hoffnung, als könnte das Lied sie vor dem Tod erretten. Wie entsetzlich war ihr Lied, das sie 'Zigeuners Abschied' nannten!"

Nikola Nikolić, ein Arzt im Kozentrationslager Jasenovac, erzählte mir das folgende:

"Roma-Musiker, deren Fingernägel schon die Farbe des Todes tragen, lebende Skelette, von Haut überzogen, spielen Beethovens Neunte oder das Mozart-Requiem. Sie spielen und weinen, weil ihnen der Schmerz bis ins Mark dringt, ihr Herz von Trauer und ihre Seele von Angst erfüllt ist. Alles weint, Violinen und Bogen, Stein und Gras, Flüsse und Vögel, Erde und Himmel!"

Fast in allen Lagern gab es Roma-Orchester, und mit ihnen waren Mozart, Beethoven, Liszt, Strauß, Brahms eingekerkert.

Empfindet man deswegen zumindest Scham und Schande?

Anscheinend nicht, zumindest nicht in notwendigem und ausreichendem Maß. Denn selbst unter Gelehrten, Historikern gibt es solche, die die Verbrechen an den Roma zur Bedeutungslosigkeit minimieren oder schamlos schreiben, die Roma seien nicht als Rasse, nicht als Volk vernichtet worden, sondern als "Asoziale", "Kriminelle" und "Verbrecher". Zu ihnen gesellt sich sogar Ernst Nolte! Nach Hitler und Himmler, die die "Endlösung der Juden- und Zigeunerfrage" planten, debattieren einzelne Historiker über die "Endlösung" der historischen Wahrheit über die Leiden der Juden und Zigeuner!

Dieselbe Logik ist in Ländern am Werk, wo heute die Roma verfolgt und getötet werden. In Rumänien zum Beispiel behauptet man, die Roma würden vertrieben und ihre Siedlungen niedergebrannt, weil sie "arbeitsscheu" und "kriminell" seien. Wenn im ehemaligen Jugoslawien ihre Siedlungen zerstört werden, behauptet man, es geschähe, weil diese Siedlungen "unhygienisch" seien. wenn sie nach Ablehnung ihrer Asylanträge aus Deutschland abgeschoben werden, behauptet man, die Roma hätten ihre Heimat aus "wirtschaftlichen" und nicht aus politischen Gründen verlassen usw.

Valéry war ein Prophet, als er schrieb: "Die Unmenschlichkeit hat eine große Zukunft!" Heute sind wir Zeugen, wie sich die Unmenschlichkeit von Bosnien bis nach Tschetschenien, und weiter nach Afrika und Lateinamerika ausbreitet. Die kleinen und großen Erben Hitlers, Mussolinis und Stalins in Gestalt von Milosević und Karadzić, Schirinowski und Berlusconi und diverser neonazistischer und neofaschistischer Banden haben der Politik den Stempel des Verbrechens aufgedrückt. Der Genozid in Form der "ethnischen Säuberung" ist sozusagen legalisiert. Obwohl die Arme der "ethnischen Säuberer" bis zu den Ellbogen mit dem Blut Unschuldiger besudelt sind, kann man häufig aus ihrem Mund hören: "Die Zigeuner sind schmutzig!" Die Diebe von Menschenhaut und Kinderaugen, die "Wilderer" menschlicher Träume und Hoffnungen sagen schamlos und dreist: "Die Zigeuner sind Diebe!"

Je mehr sich diese Unmenschlichkeit in der Sphäre der Politik ausbreitet und erstarkt, desto mehr werden die Räume des Humanen eingeengt und die Grundfesten menschlicher Werte vernichtet. Wenn bewaffnete Rechtlosigkeit und Kriminalität zum Alltag werden, wird man Wahrheit und Freiheit vielleicht noch unter dem Galgen und im Kerker artikulieren.

Vergessen wir nicht: Wann immer die Roma ermordet und ihre Wahrheit mit Füßen getreten wurden, war das die Vorbereitung für Verbrechen größeren Maßstabs. Wenn gestern die Söhne der Roma ermordet wurden, kann man morgen ihre Söhne ermorden, die Kinder all jener, die im Namen der Humanität und Würde ablehnen, mit den Verbrechern zusammenzugehen.

Darum lassen sie uns die Erinnerung an Erwin, Karl, Peter und Josef bewahren. Und der ganzen Welt noch einmal kundtun, daß Menschen ermordet wurden, daß ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen wurde. Und noch einmal an die Wahrheit erinnern, daß der Mensch älter ist als Völker und Staaten, daß die reife Menschheit keine "großen und mächtigen Staaten", "reine Rassen und Nationen" braucht, sondern die Stärkung und Festigung von Demokratie, Menschenrechten und Freiheit.

Am Anfang war das Wort, und Dank ihm sind wir Menschen geworden.

Ich wäre glücklich, könnten meine Worte eine Beitrag zur Wahrheit der Roma und Sinti sein, zu unseren gemeinsamen demokratischen Rechten, unserem Zusammenleben in Frieden und Glück.

 

Dr. Rajko Djurić,

geb. 1947 in Malo Orasje bei Belgrad. Ehemals Professor für Philosophie und Logik. Drehbuchautor des Films: Time of the Gypsies. Der Präsident des Weltrates der Roma und Sinti lebt seit 1991 als Schriftsteller in Berlin.