Rassismus gegen Roma und Sinti im vereinigten Deutschland

Änneke Winkel untersucht in ihrem Buch Antiziganismus im vereinigten Deutschland. Die Quellengrundlage bilden dabei Artikel der letzten zwölf Jahre aus mehreren Tageszeitungen und Zeitschriften. Die Debatte der Asylpolitik nach der deutschen Einheit wurde in den Medien auf Kosten von Flüchtlingen aus Osteuropa ausgetragen. In den Medien wurde das Bild einer Zigeunerflut aus dem Osten kreiert. Eine Karikatur des Spiegels “ das Boot ist voll” war nur die Spitze eines Eisberges. Diese Anfeindungen zeigten eine deutliche Wirkung wenn man an die fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Rostock denkt. Bei den dargestellten Auseinandersetzungen zwischen Sinti und Roma einerseits und staatlichen beziehungsweise öffentlichen Stellen andererseits zeigt sich eine Reproduktion antiziganistischer Klischees und Sinti und Roma werden immer noch als “Zigeuner” wahr genommen und behandelt. Unterstützt wird diese Haltung auch durch die Darstellung der vermeintlich typischen Eigenschaften – positiv wie negative- in den Printmedien. Politische Inhalte oder Forderungen der Organisationen spielen bei hier keine Rolle. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma forderte in diesem Zusammenhang 1993 solche diskriminierenden Berichte zu verbieten. Die von Änneke Winkel präsentierten Presseberichte sprechen eine deutliche Sprache und geben eindrucksvoll die antiziganistischen Stereotypen wieder.

Elke Frye (ZAG)

Antiziganismus, Änneke Winkel, Unrast-Verlag, ISBN 3-89771-411-6, 21,00 €

Die Dialektik des Rassismus

“Im Sommer des Jahres 1944 werden jene Sinti und Roma, die die Torturen des Lagerdaseins bis dahin überlebt haben, in den Gaskammern von Auschwitz ermordet. Jahrzehnte später erinnert Fania Fénelon an diese Aktion. Sie hat in Auschwitz einem aus internierten Frauen gebildeten Orchester angehört, das den Schergen des Faschismus den Alltag der Vernichtung musikalisch auflockern musste. In ihren Aufzeichnungen jener Zeit ist auch eine Episode festgehalten, die sich kurz nach der Liquidierung des sogenannten Zigeunerlagers ereignet hat. Mitten in der Nacht werden Frauen von einem betrunkenen SS-Mann geweckt, der von ihnen verlangt, ihm aufzuspielen: “Was er hören wolle? Schlager und Zigeunermusik...(Zum) Glück ist er im Rausch nicht tobsüchtig, sondern sentimental... Lily spielt ihm mit ihrer Geige sehnsüchtig Zigeunerweisen ins Ohr, er weint dicke Tränen“1

Es mag keinen Ort geben, an dem sich die rassistische Chimäre aus Einfühlung und Ausgrenzung perverser gezeigt hätte. Und doch begleitet sie die Geschichte der Roma in Europa seit Anbeginn und über Auschwitz hinaus. Schon in den späteren vierziger Jahren kann in Deutschland wieder mit großem öffentlichen Erfolg gesungen werden: “Du schwarzer Zigeuner, komm, spiel mir was vor!”2

Und heute? Spätestens seit Emir Kustoricas Film “Schwarze Katze – weißer Kater” ist “Zigeunermusik” im Zuge der Vermarktung von Filmmusik salonfähig geworden. Für die scheinbar naturidentische, emotionsgeladene “Wildheit” dieser Musik, die für das steht, was in einer kapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaft an jeder Ecke versprochen wird und nirgends vorhanden ist: Die als Traum denunzierte romantische Utopie von ‚Freiheit‘, werden die Urheber dieser Musik gleichermaßen geliebt und gehasst. Geliebt von den esoterischen Kritikern der “materialistischen, westlichen Konsumwelt”, für die die “materialistische Aufklärung” den Menschen zunehmend ‚entfremdet‘ und ‚entartet‘ und die Kulturen ‚gleichschaltet‘.3 Gehasst von denen, die den bürgerlichen Arbeitsethos verinnerlicht haben und durch selbstausbeutende Beflissenheit sich was auch immer ‚aufbauen‘ wollen. Für die einen ewige Nomaden, die das “ursprüngliche Wissen” und die “ewigen Wahrheiten” der Menschheit bis heute in sich tragen, für die Anderen ewige Vagabunden, arbeitsscheue Bettler und Kriminelle, die auf Kosten anderer Leben.

Beiden idealtypisch gezeichneten Gruppen ist eines gemein: Für sie sind Roma und Sinti vor allem eines: Zigeuner. Und wenn diesen eine Eigenschaft als genuin zugeschrieben wird, dann ist dies ihre angebliche Musikalität. Doch selbst die einzige allgemein ‚Zigeunern‘ zugeschriebene Tätigkeit erhält ihre Anerkennung nicht als Arbeit. Denn nicht nur für Kulturtümmler ist ihre Musikalität eine “ursprüngliche Volksbegabung”4, womit “musikalische Betätigung zu einem angeblich angeborenen Talent naturalisiert [wird]” 5. “Ihre Musikalität haben sie [somit] nicht ausbilden und entwickeln müssen, sondern als natürliche Gabe empfangen. [...] An die Stelle sozialkritischer Reflexion tritt die Ökonomie des zoologischen Gartens. Die Zigeuner arbeiten nicht, sondern stellen sich lediglich zur Schau.”6

Vermutlich wird einem nirgends die Funktionsweise von Rassismus so klar wie beim Antiziganismus. Schon allein die alltägliche Verwendung des Begriffs “Zigeuner” lässt bei genauer Betrachtung die Dialektik rassistischer Ressentimens offen zu Tage treten. Die soziale Bedeutung dieses Begriffs ist nichts weiter als ein Konglomerat aus positiven und negativen Zuschreibungen, die gesellschaftlich aus- und abgrenzend wirken. Nirgendwo wird dies literarisch momentan wohl klarer dargestellt, wie in den beiden von Wulf D. Hund herausgegebenen Aufsatzsammlungen zur Geschichte, Struktur und gesellschaftlichen Manifestation einer rassistischen Konstuktion.

Albert Zecheru (ZAG)

Zigeuner – Geschichte und Struktur einer rassistischen Konstruktion, Hund, Wulf D. (Hg.), DISS, Duisburg 1996, 9,20 €

Zigeunerbilder – Schnittmuster rassistischer Ideologie, Hund, Wulf D. (Hg.), DISS, Duisburg 2000, 9,20 €


1 F.Fénelon: Das Mädchenorchester in Auschwitz. München 1981, S. 277.

2 Zigeuner – Geschichte und Struktur einer rassistischen Konstruktion, Hund (Hg.), S. 11

3 vgl. Zigeunerbilder – Schnittmuster rassistischer Ideologie, Andreas Speit, S. 111

4 Zigeuner – Geschichte und Struktur einer rassistischen Konstruktion, S. 14

5 Ebd.

6 Zigeuner – Geschichte und Struktur einer rassistischen Konstruktion, S. 15