Roma - Opfer von Folter

Die Roma und Sinti sind gleichzeitig Bürger der Staaten in denen sie wohnen, und Angehörige einer staatsübergreifenden Kultur. Damit werden sie heute mehr denn je zum Prüfstein für die Fähigkeit der europäischen Staatsvölker, den Nationalismus nicht nur als Ideologie zu überwinden, sondern das Zusammenleben mit den Mitmenschen anderer Sitten und Traditionen auch im Alltag zu üben.

Aus der Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Eberhard Diepgen, bei der Eröffnung der Musik-und Kulturtage der Sinti und Roma am 1. Okt. 1992.

Pressemitteilung

Aus gegebenem Anlaß treten wir heute mit dieser Pressemitteilung an die Öffentlichkeit.

Das Behandlungszentrum für Folteropfer ist eine Einrichtung, die eine interdisziplinäre Behandlung für Menschen bereit stellt, Die Opfer von Folterungen, Mißhandlungen, Mißhandlungen und Massakern geworden sind. Die Personen, die das Behandlungszentrum für Folteropfer aufsuchen, kommen aus unterschiedlichen Ländern und aus verschiedenen Erdteilen. Ihnen gemeinsam ist ein Schicksal als Verfolgte und durch Verfolgung Beschädigte.

In unserer eineinhalbjährigen Behandlungsarbeit haben wir auch mehrere Personen behandelt, die der Volksgruppe der Roma angehören und aus Rumänien nach Deutschland gekommen sind. In letzter Zeit haben sich die Anfragen und Aufnahmen von Roma mit Herkunft Rumänien gehäuft. Wir halten es für geboten, von unserer Seite aus auf diese Tatsache und die von uns in diesem Zusammenhang gemachten Beobachtungen aufmerksam zu machen.

Die PatientInnen dieser Personengruppe weisen Symptome von Mißhandlungen auf, die in unterschiedlicher Weise bezeichnenden Charakter haben:

  • Spuren von Vergewaltigungen, Verbrennungen, körperlichen Verletzungen und Entstellungen

  • Seelische Schädigungen traumatischer Art, Angstzustände, Verstummtsein, Depressionen, psychosomatische Störungen

  • Verwaisung bei Kindern, Zerstörung vorhandener Beziehungen durch Tod und Vertreibung, Entwurzelung durch Verlust der sozialen und ethnischen Existenz.

 

Mit der Aufnahme der Behandlung versuchen wir die medizinische, psychotherapeutische und soziale Aufarbeitung und Heilung dieser Schädigung einzuleiten und durchzuführen. In dieser Situation sind wir mit der Biographie und den Schicksalen der PatientInnen konfrontiert und erfahren die Abläufe und Hintergründe ihrer Beschädigungen. Daraus lassen sich für uns zwangsläufig Feststellungen über die Situation der Verfolgung in ihrer Heimat entnehmen.

Wir sind dabei zu folgenden Erkenntnissen gekommen: Entgegen aller anders lautenden Berichte und der Auffassung vom verfolgungsfreien Herkunftsland, mußten wir leider feststellen, daß die Angehörigen der Volksgruppe der Roma in Rumänien wiederholt gezielten Verfolgungen und Angriffen aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit ausgesetzt sind.

Damit finden wir die von internationalen Menschenrechtsorganisationen wie amnesty international, der Gesellschaft für bedrohte Völker, helsinke watch und anderen vorgelegten Untersuchungsergebnisse bzgl. der Menschenrechtssituation in Rumänien bestätigt. Es scheint Muster zu geben, nach denen die Übergriffe auf Roma in Rumänien ablaufen:

  • Aufgebrachte, rassistische Nachbarn und Dorfbewohner führen - häufig zusammen mit Polizisten - Angriffe auf Roma durch

  • Ihre Zelte und Häuser werden in Brand gesetzt

  • Die Bewohner werden gejagt und zusammengeschlagen

  • Vergewaltigungen und andere Greueltaten sind keine Seltenheit

  • Einzelne Familien, teilweise lokale Roma-Bevölkerungen werden so gezwungen, ihre Wohngegenden zu verlassen

  • Neben dem aktiven Beteiligtsein und/oder dem passiven Dulden der Pogrome durch die Polizeiund andere Behördenvertreter scheint es keinen funktionierenden Schutz von staatlicher Seite gegen diese Übergriffe für die Betroffenen zu geben

  • Trotz der Möglichkeit für Roma sich laut Gesetz nun auch im offiziellen Leben organisieren zu können, scheinen staatliche Stellen und lokale Behörden die Roma weiterhin zu diskriminieren und ihnen das Leben verleiden zu wollen (Benachteiligung bei der Arbeit, vor den Behörden, in sozialen Belangen; offizielle Verleumdungen in den Medien)

  • Die an den Übergriffen beteiligten Personen scheinen dabei von den Strafverfolgungsbehörden überhaupt nicht oder kaum zur Verantwortung gezogen zu werden.

In der Bundesrepublik Deutschland herrscht die irrige Meinung vor, die rumänischen Roma seien "Wirtschaftsflüchtlinge" und "Scheinasylanten". In unserer Arbeit finden wir diese Auffassung in PatientInnen, die nachweislich als Opfer von Verfolgungen ins Behandlungszentrum kommen, widerlegt. Aufgrund unserer Wahrnehmung der physischen und psychischen Verletzungen, die diese Menschen mit sich tragen, können wir nicht von einer Verfolgungsfreiheit für die Roma im heutigen Rumänien ausgehen.

Es gibt in Rumänien den offenen Haß gegen die Roma, der von Seiten staatlicher Behörden, der Kirche und Medien mitgetragen wird und der die Roma zwingt, ihre Dörfer und Rumänien zu verlassen. Die dabei angewandte Vorgehensweise scheint in ihrer Wiederholung eine Systematik aufzuweisen, die das Ziel verfolgt, die Vertreibung der Roma-Bevölkerung zu erreichen, beziehungsweise hinzunehmen. Diese Art der Verfolgung ist deshalb als politische zu werten, da sie sich - in den uns berkannten Fällen - gegen die Menschen wegen ihrer Roma-Zugehörigkeit richtet.

Aus der Perspektive unserer Arbeit ist es nicht nachvollziehbar, daß Romaflüchtlinge an der deutschen Grenze abgewiesen werden oder teilweise ohne Prüfung ihres Schicksals deportiert werden.

Behandlungszentrum für Folteropfer e.V. Berlin