Roma in Rumänien

Ausgrenzung par excellence

In Rumänien leben die meisten Roma in ganz Osteuropa. Bei Volkszählungen erklärt sich eine große Zahl von ihnen, vor allem die sesshaften Roma als Rumänen oder Ungarn. Aktuelle Schätzungen nehmen zwei bis drei Millionen Roma innerhalb Rumäniens an.

Die große Mehrheit der Roma spricht Rumänisch, ein kleiner Teil – in Siebenbürgen – ungarisch. Manche sprechen auch noch Roma- Dialekte. In den ehemaligen Siedlungsgebieten der Siebenbürger- Sachsen und Banater-Schwaben gab es bis zum Zweiten Weltkrieg auch deutschsprachige Roma. Die meisten Roma sind sesshaft, nach wie vor gibt es aber nomadisierende Roma.

Dokumentiert ist das Leben der Roma seit Ende des 14. Jahrhunderts in den Fürstentümern Moldau und Walachei, aus deren Zusammenschluss im 19. Jahrhundert der rumänische Staat hervorging. Sie waren Leibeigene und wurden mit den Gütern verkauft. Mit der Aufhebung der Leibeigenschaft 1856 wurde ihre Rechtlosigkeit beendet. 200.000 Roma wurden befreit. Die Roma erhielten nie eine Anerkennung als Nationalität und waren damit als Minderheit rechtlich sehr schlecht gestellt. Nach dem Zweiten Weltkrieg überwiegend längst sesshaft geworden, lebten sie am Rande von Dörfern und Städten ihr eigenes Leben, obwohl sie mit den Bewohnern durch vielfältige Berufstätigkeiten (Erntehelfer, Händler, Handwerker) verkehrten.

Von der Mehrheitsgesellschaft stets ausgeschlossen und diskriminiert, konnten die Roma bis zum Zweiten Weltkrieg, für ihren Lebensunterhalt in weitgehender wirtschaftlicher Autonomie selbst aufkommen. Mit Beginn des Krieges waren sie von Deportationen nach Bessarabien und Transnistrien betroffen. Allein aus Bukarest und Umgebung sollen unter der Antonescu-Diktatur 25.000 Roma deportiert worden sein. 36.000 sollen – laut Bericht der rumänischen Kommission zur Untersuchung von Kriegsverbrechen – in Folge der Deportationen in Rumänien zu Tode gekommen sein.

In den 1950er Jahren unternahm die damalige Regierung unter Gheorghe Gheorghiu-Dej Schritte zur Anerkennung der Roma. Jedoch zeigten sich darin – beispielsweise traten nun Roma Chöre bei Staatsakten auf – die ambivalente anti-ziganistische Haltung der rumänischen Mehrheitsbevölkerung gegenüber den Roma: Bewunderung für Zigeunerromantik und Musiktalent der Roma, bei gleichzeitiger Verachtung ihres Lebens in direkter Nachbarschaft.

Die relativ kleine Gruppe der nomadisierenden Roma wurde vor allem unter Nicolaie Ceaușescu zur Sesshaftigkeit gezwungen. Man konfiszierte ihre Wägen und Zelte und verwies sie in leer stehende, vormals enteignete, Bauernhöfe. Zudem wurde durch die massive Industrialisierung vielen Roma die Lebensgrundlage entzog. Ein Verbot privaten Kleingewerbes, sowie die Annullierung der Handels- und Handwerkszulassungen der Roma tat ein Übriges und beschleunigte die wirtschaftliche und soziale Verelendung. Der unter Ceaușescu forcierte Nationalismus trug zur weiteren Diskriminierung der Roma bei. Als Ärgernis empfanden nun viele Rumänen – rumänisch: Romani – bereits den Namen der Roma – rumänisch: Romi. Die Ähnlichkeit war ihnen zu nah. Zudem wurden die Rumänen im ungarischen Kneipenchauvinismus als Zigeuner bezeichnet, die in das innerhalb dieses Weltbildes eigentlich angestammte ungarische Siebenbürgen irgendwann im Mittelalter herumziehend eingedrungen seien.

Ab der »kleinen Kulturrevolution« 1971 wurde der verelendete Teil der Roma weitgehend sich selbst überlassen. In der Öffentlichkeit war von den Roma nun nicht mehr die Rede, selbst ihre folkloristischen Auftritte wurden stillschweigend eingestellt. Dies war die allgemeine Methode der Ceaușescu-Nomenklatur Probleme zu lösen: man ließ sie verschwinden und verbannte sie aus der Öffentlichkeit. Ceaușescus Rumänien war ein Land der gesunden Mehrheit. Vielleicht konnten sich deshalb so viele mit dem politischen Regime identifizieren. Von den Roma war ebenso wenig die Rede wie von Behinderten oder Homosexuellen.

Elend, Analphabetentum aber auch die diskriminierende Gesetzgebung begünstigten die Kriminalisierung der Roma. Dennoch treffen die meisten nur ihnen geltenden Vorwürfe nicht zu: Mit den beginnenden 1980ern wurde der Schwarzmarkt in der ansonsten zum Stillstand gekommen Binnenökonomie überlebensnotwendig. Nach 1989 wurde den Roma dann vorgehalten, sie hätten unter Ceaușescu den Schwarzhandel beherrscht. Tatsächlich waren viele Roma-Familien am Schwarzhandel beteiligt gewesen. Zum einen blieb ihnen häufig gar nichts anderes übrig und zum anderen aber beschäftigte sich halb Rumänien in irgendeiner Form mit Schwarzhandel. Vermutlich wäre es ohne einen florierenden Schwarzhandel und einer entsprechenden Korruption viel früher zu einem Kollaps des Regimes gekommen.

Letztlich lässt sich sagen, dass die Roma nach dem Zweiten Weltkrieg immer weiter in die wirtschaftliche und soziale Verelendung gedrängt und gesellschaftlich ausgeschlossen wurden. Ausgenommen waren davon nur die Roma, die zu einer völligen Assimilation bereit waren und dann – anerkanntermaßen – zu dem wurden, was sie letztlich vorher schon waren: Rumänen.

Albert Zecheru, ZAG