Roma in Rumänien

Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Richard Wagner

ZAG: Herr Wagner, bereits in den 60er Jahren pflegte die rumänische kommunistische Partei die Überhöhung der Rumänischen Nation. Bei den letzten Parlamentswahlen Ende 2000 steigerte die rechtsextreme Großrumänien-Partei (PRM) ihren Stimmenanteil um mehr als das Fünffache auf 24,4 %. Die Präsidentschaftswahlen endeten, ähnlich wie letztes Jahr in Frankreich, mit einer Stichwahl, die der Ex-Kommunist Ion Iliescu mit Unterstützung der bürgerlichen Parteien gegen den Neo-Faschisten Vadim Tudor (PRM) für sich entschied. Vor diesem Hintergrund fällt es schwer, sich vorzustellen wie sich in der Vergangenheit Roma politisch organisieren konnten. Spielen oder spielten sie politisch in Rumänien je eine Rolle?

WAGNER: Die Roma spielten niemals als Akteure eine politische Rolle in Rumänien, sie tun es auch heute nicht. Sie zählten und zählen vielmehr, neben den Juden, zu den Sündenböcken der rumänischen Öffentlichkeit. Der Militärdiktator der Weltkriegszeit, Ion Antonescu, ließ viele von ihnen, wie im übrigen auch zahlreiche Juden, nach Transnistrien deportieren, ein Gebiet das er als Hitlers Verbündeter in der Ukraine erwerben konnte.

Über die Verfolgung der Roma durch das Antonescu-Regime wurde in Rumänien erst in den letzten Jahren ausführlicher publiziert. Viele Rumänen, die noch immer von der nationalkommunistischen Propaganda beeinflusst sind, weigern sich, diese Verbrechen zur Kenntnis zu nehmen. Die Geschichtsklitterung Ceauşescus verfolgte den Zweck, die Rumänen als gütige Nation erscheinen zu lassen, die niemanden verfolgt und niemals Eroberungskriege geführt hätte.

Die Kommunisten nahmen in den turbulenten Jahren der Machtübernahme gezielt Leute aus der Unterklasse in ihre Reihen auf, darunter auch Roma, um diese gegen den bürgerlichen "Klassenfeind" aufzuhetzen. Sie manipulierten die Roma, und bis heute geht das Gerücht, die Roma hätten, wie übrigens auch die Juden, dem Kommunismus in Rumänien zur Macht verholfen.

Vergessen ist, dass die Stalinisten in den 50er Jahren mit brutalen Methoden versuchten die nomadisierenden Roma, "Wanderzigeuner", sesshaft zu machen oder die Konfisierung der rituellen Goldmünzen durch die Polizei, ein weiterer Verstoß gegen die Roma-Traditionen.

ZAG: In den 70er wurden die Roma in Rumänien von Staatsseite immer mehr stigmatisiert. So durften sie z.B. wegen parasitären Lebenswandels und traditionellen Kleinhandels , der vom Staat allgemein nicht genehmigt war, bis zu sechs Monaten ohne Strafprozess inhaftiert werden. Welches Bild hat und hatte die Mehrheit der Menschen in Rumänien von der Minderheit der Roma?

Wagner: Große Teile der Mehrheitsbevölkerung in Rumänien denken in rassistischen Kategorien bezüglich der Roma. Die Roma lebten meist im Elend und hatten in den Augen der anderen zu viele Kinder. Sie werden in der Regel für die verbreitete Kriminalität verantwortlich gemacht. Die Ursachen für das soziale Elend vieler Roma wurden niemals diskutiert. Die Roma besetzten in der traditionellen Gesellschaft, nach ihrer Befreiung aus der Leibeigenschaft, die in den rumänischen Fürstentümern erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts eintrat, eine Nischen-Rolle als Sammler von Rohstoffen wie Metall, Federn und Glas, oder im Handwerk, beispielsweise als Kupferkesselschmiede. Kommunistische Gleichschaltung und Zwangsindustrialisierung ließen für solche Nischen keinen Platz mehr. Sie wurden nun meist zu Saisonarbeitern in der Landwirtschaft und Hilfsarbeitern in der von Ceauşescu aus dem Boden gestampften Industrie und bezogen Quartier in den tristen Vorstädten. Armut und niedriges Bildungsniveau ergänzten sich auf unheilvolle Weise. Der Verbot des Kleinhandels durch die Kommunisten und die schwere ökonomische Krise der 80er Jahre, die extreme Mangelwirtschaft, führten zu einer Überdimensionierung der Schwarzmärkte.

Bis heute werfen viele Menschen den Roma vor, den Schwarzmarkt in der Ceauşescu-Zeit beherrscht zu haben. Diese hätten sich auf Kosten der Bevölkerung bereichert. Als Beweis für die These werden mit Vorliebe die protzigen Villen an vielen Stadträndern angeführt, die dort von neureichen, geltungssüchtigen Roma in den 90er Jahren errichtet wurden.

ZAG: In den 80er Jahren wurden durch das Programm der sog. Systematisierung unzählige Dörfer zugunsten agroindustrieller Zentren niedergerissen, um die Landbevölkerung der Lohnarbeit zu unterwerfen. Welche Auswirkungen hatte dieses Programm speziell für die Romabevölkerung?

Wagner: Es hatte die gleiche Auswirkung wie auf die anderen ethnischen Gemeinschaften auch. Das Programm war darauf angelegt, regionale Identität zu zerstören und die individuellen Freiräume einzuschränken und schließlich abzuschaffen. Das Regime strebte die totale Kontrolle an. Das hat die Verunsicherung der Roma weiter verstärkt.

ZAG: Anfang der 90er Jahre kam es in allen Landesteilen Rumäniens zu Pogromen gegen Roma. Zur selben Zeit flüchteten viele Roma nach Westeuropa. Woran entzündete sich in Rumänien plötzlich dieser offen ausgetragene Hass gegen die Roma?

Wagner: Die rumänische Gesellschaft hatte am Ende der Ceauşescu-Diktatur paranoide Züge entwickelt. 1990, als der massive repressive Druck plötzlich gelockert wurde, reagierten große Teile der Bevölkerung geradezu hysterisch. Sie hatten offenbar ein starkes Bedürfnis nach Selbstentlastung, nach all den Jahren der schändlichen Unterdrückung und Kollaboration. Das Land war voller Ängste und die neu geschaffene Medienöffentlichkeit strotzte vor diversen Verschwörungstheorien. Es gab eine allgemeine Angst vor dem Zerfall der rumänischen Gesellschaft. Die angestauten Aggressionen machten sich zuerst in Auseinandersetzungen mit der ungarischen Minderheit, die des Separatismus bezichtigt wurde, Luft, bald danach aber richteten sie sich gegen die Roma, die kriminell seien, und die öffentliche Ordnung in Frage stellten. Aus meist nichtigen Anlässen in Kneipen und Diskotheken kam es zu Messerstechereien und anschließend zu Zusammenrottungen in Dörfern, um die Häuser nieder zubrennen und Roma zu verprügeln.

ZAG: In ihrem Buch "Sonderweg Rumänien" schreiben sie, dass sich in Rumänien viele Roma, vor allem die sesshaften, als Rumänen betrachten. Ist dies letztendlich das Ergebnis einer repressiven staatlichen Integration?

Wagner: In Gemeinschaften, die sozial verelendet sind, versuchen die Menschen sich als Einzelne aus ihrem Elend zu befreien, indem sie den Weg der Assimilation an die Mehrheitsbevölkerung gehen, sobald ihnen der Aufstieg gelungen ist. Die Roma sind erst nach dem Ende des Kommunismus als ethnische Minderheit anerkannt worden. Davor hatten sie, im Unterschied zu den anderen Minoritäten, wie Ungarn, Deutsche, Juden, Serben, keinen kollektiven Status. Sie galten als Parias.

Aber auch nach der Wende ist ihre politische Integration nicht durchgesetzt worden. Das liegt zum einen an der ablehnenden Haltung der Öffentlichkeit. In vielen Medien wird zur besonderen Kennzeichnung der Begriff "Rom" als "Rrom" mit zwei R geschrieben, wahrscheinlich weil die Rumänen sich selbst als "Români" verstehen und durch die Orthographie eine stärkere Unterscheidung der beiden Wörter anstreben. Zum anderen ist aber bis heute eine starke Zersplitterung der Roma-Organisationen zu verzeichnen, in denen nicht selten pittoreske Traditionalisten das Sagen haben, selbsternannte Könige und Kaiser, die mit den paar Intellektuellen, die sich für die Roma- Sache engagieren, im Dauerkonflikt liegen. Das alles führt dazu, dass die Roma bis heute in der rumänischen Öffentlichkeit unterrepräsentiert sind. Sie müssen lernen, das man, in der einigermaßen demokratisch eingerichteten heutigen Gesellschaft, seine kollektiven Rechte mit den Mitteln, die Rechtsstaat und Parlamentarismus bieten, selbst durchsetzen muss. Dazu gehört aber ein stärkeres Selbstbewusstsein der Roma-Gemeinschaft, als es bisher der Fall ist.

Interview: Albert Zecheru (ZAG)