Roma in Rumänien

Ein kleiner Einblick

Ist von den ethnischen Gruppen in Rumänien die Rede, so konzentriert sich das Interesse hauptsächlich auf die Spannungen zwischen den knapp 2 Millionen Un­garn und der rumänischen Mehrheitsbevölkerung. In der Bundesrepublik wird zu­sätzlich den ca. 80.000 Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben Augenmerk gewidmet.

Über die möglicherweise zweitgrößte Minderheit in Rumänien, die Roma, weiß man hingegen sehr wenig. Zwar haben auch sie, durch die Migration einiger Tau­sender nach Deutschland und vor allem nach Berlin, einen Bekanntheitsgrad er­reicht, doch hat dieser bisher nur zu einer Verstärkung der alten Vorurteile gegenü­ber den «Zigeunern» beigetragen.

Einen Bericht über die Situation der Roma in Rumänien zu schreiben, ist vielen Schwierigkeiten unterworfen. Sie sind zwar jene Minderheit, die bis heute noch diskriminiert, verachtet und verfolgt wird, doch fanden nur wenige sie einer wis­senschaftlichen oder generell ausführlichen Betrachtung würdig. Zudem war es im Rumänien unter Ceausescu verpönt, sich den Roma zu widmen, und wenn man dies tat, konnten die Untersuchungen und Ergebnisse nicht veröffentlicht werden. Auch im Ausland konnte man sich zum einen aufgrund der mangelnden Informa­tionen, zum anderen aufgrund mangelndem Interesse kein wirkliches Bild über die Situation der Roma in Rumänien machen. Im Folgenden soll jedoch der Versuch unternommen werden, einen Bericht über die Situation der Roma in Rumänien zu­sammenzustellen. Dieser Bericht basiert daher zum Teil auf bruchstückhaften, punktuellen Informationen und Schätzungen bzw. Einschätzungen, zum anderen Teil auf Erfahrungen und Erkenntnissen, die die Autorinnen, in Exkursionen nach Rumänien und in Gesprächen mit Roma gewonnen haben.

Allgemeine Informationen zu den Roma in Rumänien

Anzahl der Roma

In der letzten offiziellen Bevölkerungsstatistik von 1977 sind die Roma mit 229.986 Personen verzeichnet: Nach inoffiziellen Angaben schätzte man ihre An­zahl damals auf ca. 500.000. Mitte der achtziger Jahre liefen die Schätzungen auf eine Zahl von ungefähr einer Million Roma in Rumänien hinaus. Momentan bewe­gen sich die Schätzungen in der Spanne zwischen zwei und fünf Millionen. Es kann aber auf jeden Fall festgehalten werden, daß die Roma mit oder nach den Ungarn die größte Minderheit in Rumänien darstellen.

Differenzierungsmöglichkeiten der Roma (nach Wohnort, Sprache und Beruf)

Nach regionalen und historischen Gesichtspunkten lassen sich die Roma in zwei große Gruppen unterteilen: Zum einen die Roma, die der Herkunft und ihrem Wohnort nach, als transylvanische (oder siebenbürgische) Roma zu bezeichnen wären, und zum zweiten die Roma, die aus dem Altreich (Moldau und Walachei) Gebiete südlich und östlich der Karpaten) stammen.

In ihrer jeweiligen historischen Entwicklung gibt es einen sehr wichtigen Unterschied: Waren die Roma im rumänischen Altreich bis 1855/56 Sklaven und Leibei­gene, denen die elementarsten Freiheitsrechte vorenthalten wurden, so waren viele der in den ehemals ungarischen Gebieten Siebenbürgen und Banat lebenden Roma als selbständige (Wander-)Handwerker oder Händler tätig.

Von der Sprache her ist eine Unterteilung nur annähernd möglich: Im Altreich spre­chen die Roma entweder nur noch Rumänisch oder zusätzlich Romanes. In Sie­benbürgen sind die meisten traditionellen Romagruppen (autochtone Roma-Grup­pen, deren Vorfahren schon vor 400 Jahren dort gelebt haben) dreisprachig: Sie sprechen Romanes, Ungarisch und Rumänisch. In den Stadtrandsiedlungen trifft man meist rumänisch- oder ungarischsprechende Roma.

Vor allem in Siebenbürgen findet man auch heutzutage traditionelle, homogene Romadörfer. Hier leben jene Romagruppen, die, zumindest teilgewerblich, noch ihren traditionellen Handwerksberufen nachgehen und daneben zumeist Handel betreiben. Das Handwerk wird auch heute noch an die jüngeren Generationen weitergegeben, verliert jedoch immer mehr an Bedeutung. Als Einnahmequelle wurden diese Handwerke - - u.a. Kessel-, Kupfer- und Blechschmiede - zu einem Nebenerwerb. Hauptsächlich werden anscheinend nur noch Auftragsarbeiten durchgeführt und die Roma ziehen nicht mehr wie früher über das Land, um ihre Arbeit anzubieten. Als Haupteinnahmequelle dient in letzter Zeit verstärkt der Han­del; innerhalb Rumäniens vor allem mit Kleidung (Jeans!), die auf den offiziell zu­gelassenen Märkten verkauft werden.

Die Romadörfer bestehen aus mehreren Großfamilien, die einer regional umgrenz­ten - oft vom früheren Handwerk herrührenden - Gemeinschaft angehören.

Nach ihren traditionellen Handwerksberufen werden die Roma in verschiedene Gruppen eingeteilt, wobei eine exakte berufsbezogene Zuordnung nur noch bei ei­nem Bruchteil der Roma möglich ist. Die folgenden Zuordnungen beziehen ihre Legitimation also mehr aus der Vergangenheit der einzelnen Romafamilien, als aus ihrem gegenwärtigen Betätigungsfeld.

  1. Die Kalderasha/Calderari (Kalderasch/ Kupferschmiede) Diese Romagruppe kennzeichnet sich dadurch, daß sie über einen festen Wohn­sitz verfügt. Ihre Haupteinnahmequelle ist die Kessel- und Kupferschmiede und Klempnerei.

  2. Die Corturari/ Tigani nomazi (Zeltzigeuner) Auch deren Haupterwerbsquelle ist die Kesselschmiede und die Klempnerei, wo­bei sie jedoch im Gegensatz zu den Kalderasha den Sommer über auf Wander­schaft sind, und dabei ihre bereits angefertigten Waren bzw. ihre Handwerkslei­stungen anbieten. Typisch für sie ist u.a. die Wohnweise in Zelten.

  3. Die Baiesi (Korbflechter) Diese Gruppe hatte sich auf die Herstellung von Körben, Besen, etc. spezialisiert, die auf den Märkten im ganzen Land angeboten werden. Auch sie verfügen über einen festen Wohnsitz.

  4. Tigani de matasa (Seidenzigeuner) Zu dieser Gruppe zählen vor allem die Musiker und Antiquitätenhändler.

Der überwiegende Teil der Roma bezeichnet sich jedoch als «tigan»/«cigany» und verzichtet auf die traditionelle Zuordnung.

Die Handwerksprodukte der traditionellen Romagruppen werden größtenteils zu-hause im Familienverband in wirklicher Handarbeit verfertigt. Größere Erzeugnisse (Schnapsdestillen, Metzgerwannen, etc.) werden heutzutage nur noch auf Bestel­lung hergestellt; kleinere Produkte (Pfannen, Kaffetöpfe für türkischen Kaffee, etc.) werden hingegen auf den Märkten verkauft.

Zu den traditionellen Berufsfeldern der Roma gehört auch der Handel, vor allem der Antiquitätenhandel und in den letzten Jahren der Handel mit Textilien. Dane­ben werden auch Sammeltätigkeiten ausgeführt: In den ländlichen Regionen wer­den Pilze, Schnecken, Früchte und Federn gesammelt, dies wird dann gegen Ge­brauchsgegenstände, Altkleider oder Nahrungsmittel eingetauscht. In den Städten hingegen wird Altglas, Altmetall, etc. gesammelt, welches dann bei staatlichen Sammelstellen abgeliefert wird.(Diese «recycling»-Tätigkeit ist aber mehr aus der Not geboren, als daß sie eine Tugend darstellt; für viele ist das Sammeln von Alt­metall und Altglas die einzige Möglichkeit, an einige Lei zu gelangen.) Der größte Teil der rumänischen Roma läßt sich allerdings mit diesen Kriterien nicht erfassen.

Nach 1945 wurde die gesamte rumänische Gesellschaft in mehreren Etappen ei­nem ökonomischen Wandlungsprozeß unterworfen, der auch die Roma erfaßte. Sie waren davon sogar in einem stärkeren Ausmaß betroffen als die anderen eth­nischen Gruppen Rumäniens, da dieser gesamtgesellschaftliche Wandlungspro­zeß für sie nicht nur bedeutete, daß ihre traditionellen Berufsfelder an Bedarf und Bedeutung verloren. Für sie war damit und mit dem gleichzeitig erfolgenden Eintritt in die industrielle Arbeitswelt auch sehr häufig ein Verlust der traditionellen Kulturformen und der sozialen Beziehungen verbunden. Dieser Verlust konnte in der Folgezeit nicht kompensiert werden, da eine Integration in die sie umgebende Mehrheitsgesellschaft nicht möglich war.

Die Roma wurden aus ihren alten Umgebungen herausgerissen und zogen in die Städte, um dort in den Fabriken und Betrieben Arbeit zu finden. Der rumänische Staat hat diesem Teil der Roma zwar bestimmte Beschäftigungsmöglichkeiten eröffnet, doch war ihnen eine Weiterentwicklung, das heißt ein sozialer Aufstieg nicht gegeben. Sie sind auf der niedrigsten Beschäftigungsstufe als unqualifizierte Arbeitskräfte einzuordnen. Es sieht bislang so aus, als seien sie in eine Zwickmüh­le geraten: Aus ihren Reihen wurden billige Arbeitskräfte rekrutiert. Durch das niedrige Einkommen sind sie jedoch unfähig, aus ihren schlechten Lebensverhält­nissen auszubrechen und können ihren Kindern auch keine bessere Schulbildung garantieren. Somit «reproduzieren» sie weiterhin billige Arbeitskräfte.

Die typischen Arbeitsbereiche, in denen die Roma beschäftigt werden, lassen sich leicht umreißen: Bergbau, Bauindustrie, Straßenbau, Straßenreinigung und Ziegel­produktion. Es handelt sich fast immer um Tätigkeiten, die von den übrigen Arbei­tern nicht verrichtet werden. Es sind physisch schwere und gesundheitsschädi­gende Tätigkeiten, die zum großen Teil schlecht bezahlt sind und keinerlei Auf­stiegsmöglichkeiten bieten.

Symbolisch zeigt sich die Situation dieser Roma an ihren Siedlungen. Die Roma viertel am Stadtrand sind in ganz Rumänien verbreitet. Diese Viertel weisen fast nie eine homogene Baustruktur auf. Die Hütten der Ärmsten aus Holz, Blech oder Lehm werden von den Roma selbst gebaut und bestehen größtenteils nur aus ei­nem Raum mit einer Außenfeuerstelle.

In diesen Siedlungen kann beobachtet werden, daß die alten Normen und Bindun­gen an Gültigkeit verloren haben; die meisten sprechen nicht einmal mehr ihre ei­gene Sprache - das Romanes -, sondern nur noch Rumänisch oder Ungarisch. Besonders markant in den Romasiedlungen ist die vorherrschende Armut und die daraus resultierenden spezifischen Lebensformen (Verhaltensweisen, Gewohnhei­ten, etc.). Diese weichen sowohl von der Lebensform der traditionellen Romage­meinschaften ab, als auch von der der Mehrheitsgesellschaft.

Die Roma in den Stadtrandvierteln wurden in eine kulturelle Kluft geworfen zwi­schen ihren aufgegebenen Romatraditionen mit dem Verlust des Rückhaltes und der sozialen Sicherheit im Familienverband und den nie vollständig adaptierten Kul­turformen der rumänischen (bzw. ungarischen) Mehrheitsbevölkerung, von deren Seite auch nie ein ernsthafter Versuch unternommen wurde, die Roma in die Ge­sellschaft zu integrieren.

Die Situation seit Januar 1990

Die gesellschaftliche Situation der Roma in Rumänien seit dem Umsturz im De­zember 1989 ist nicht in einer pauschalen Betrachtung darzustellen. Als übergeordneter Fakt ist jedoch festzustellen, daß die Roma trotz aller kulturel­len und sozialen Unterschiede.eines gemeinsam haben: Sie sind die Verlierer der sogenannten «Revolution». Ihre Lage hat sich sukzessive verschlechtert, wofür drei unterschiedliche Unterdrückungs- und Verfolgungsmechanismen verantwort­lich sind, die in loser Verbindung miteinander stehen, aber auch unabhängig von­einander agieren:

  1. Die offizielle staatliche Repression durch Behörden, staatliche oder staatlich kontrollierte Institutionen, wie Miliz und Geheimdienst, aber auch Schulen und Be­triebe.

  2. Organisierte «privatisierte» Gewalt, die jedoch von Behörden bis hin zur Regie­rung geduldet wird. Darunter sind Organisationen wie die «vatra romaneasca» zu verstehen, aber auch die Aktion der Bergarbeiter, die im Juni 1990 Romaviertel in Bukarest angriffen.

  3. Individuelle, private Gewalt, die unabhängig von staatlichen Institutionen oder «privaten» Organisationen ausgeübt wird. Auch diese Gewalttätigkeiten und Aus­schreitungen werden polizeilich oder gerichtlich nicht geahndet.

Unter dem Ceausescu-Regime hatten die Roma wie der Rest der Bevölkerung un­ter Repressalien zu leiden. Doch gab es zusätzlich Gesetze, die speziell für die Ro­ma erlassen wurden. Insbesondere das 1970 vom Ceausescu-Regime erlassene «Dekret 153» richtete sich gegen die Roma. Es sollte «soziale Parasiten» einer Verurteilung zuführen; dies bedeutete, daß Menschen - hauptsächlich Roma -willkürlich verhaftet und über Jahre im Gefängnis gehalten werden konnten, wenn sie nicht feste Arbeitsverhältnisse oder einen festen Wohnsitz nachweisen konn­ten. Dieses Dekret überließ es der Willkür lokaler Behörden oder einzelner Vertre­ter von Polizei, etc. Roma als Menschen zu behandeln oder nicht.

Nach den von rumänischen Nationalisten inszenierten Auseinandersetzungen zwischen Rumänen und Ungarn in der siebenbürgischen Stadt Tirgu Mures im März 1990, bei denen einge Tote zu beklagen waren, wurde dieses Gesetz auch von der Regierung Iliescu - damals noch Interims-Regierung - angewandt. Von den insgesamt 38 Festgenommenen waren 23 Roma. Lediglich die Roma wurden eini­ge Tage später im Schnellverfahren ohne Berufungsmöglichkeit nach dem Dekret 153 von 1970 verurteilt!

Die Diskriminierungen der Roma im Schulwesen und auf dem Arbeitsmarkt schei­nen sich auch fortzusetzen. So wurde von Roma berichtet, daß ihre Kinder von der Schule gewiesen werden, und es sind auch die Roma, die von den, in wirtschaftli­che Schwierigkeiten geratenen Betrieben als erstes entlassen werden.

Die Diskriminierung von staatlicher Seite hat sich im Verlaufe des Jahres in mehre­ren Etappen entwickelt. Bis zu den erwähnten Verhaftungen waren die Roma nicht übermäßigen staatlichen Unterdrückungen ausgesetzt. Wie von Roma aus mehreren Städten berichtet wurde, blieben sie allerdings von der Verteilung der Hilfsgüter, die Rumänien Anfang 1990 erreichten, ausgeschlossen. Doch teilten sie dieses Schicksal mit den vielen anderen, die den unterpriviligierten, verarmten Schichten angehören. Im Vorfeld der Wahlen im Mai, wurden die Roma vor allem von der Regierungspartei FSN und vom designierten Präsidenten Iliescu persön­lich hofiert. So besuchte Ion Iliescu Romaviertel, sprach mit den Menschen, hob die Rolle der Roma hervor, die sie im Verlaufe der «Revolution» spielten, und be­kannte öffentlich, sich mit seiner Person dafür einzusetzen, daß die Situation der Roma in Rumänien verbessert wird. Nach den Wahlen war von den Versprechungen allerdings nichts zu vermerken. Im Gegenteil: Die Pressekampagne wurde verstärkt und die gewalttätigen Über­griffe häuften sich.

Auf der Seite der offiziellen, staatlichen Repression ist also eine gewisse Konti­nuität festzustellen, auch wenn sich die Methoden und Mittel den Erfordernissen der neuen Zeit angepaßt haben. Unter der Ceausescu-Diktatur waren die Roma zusätzlich der Willkür lokaler Machtpotentaten ausgesetzt; doch konnten sie sich auch Freiräume erkämpfen, bzw. wurden ihnen sogar welche zugebilligt. So waren die meisten Roma auch unter Strafandrohung nicht dazu zu bewegen, in der rumänischen Armee zu die­nen und so konnten sie auch noch ihren traditionellen Berufen nachgehen, auch wenn sie dabei ständig behördlicher Willkür ausgesetzt waren.

Die Roma, die Handel betrieben, waren es auch, die über Jahre hinweg den Schwarzmarkt in Rumänien mit den wichtigsten Waren belieferten, die in den Geschäften nicht zu erhalten waren. Ihre weitgespannten geschäftlichen und vor allem ihre ausgedehnten familiären Beziehungen ermöglichten es ihnen, den Markt zu beliefern. In dieser Rolle waren sie auch von der Mehrheitsbevölkerung akzeptiert, weil sie Lücken ausfüllten und Waren lieferten, die ohne sie nicht zu kaufen gewesen wären.

Doch diese aus der Not geborene Anerkennung oder Akzeptanz der Roma änder­te sich schlagartig nach der Etablierung des neuen Regimes und einer gewissen Beruhigung der gesellschaftlichen Situation in Rumänien nach den Unruhen des Umsturzes. Denn nun konnten Rumänen (und in Siebenbürgen die Ungarn) diese Geschäfte selbst unternehmen. Die neuen Reisegesetze ermöglichten es ihnen, ins Ausland zu fahren, und selbst die Waren ins Land zu bringen, die auf den offi­ziellen Märkten und auf dem Schwarzmarkt verkauft werden können. Die Roma wurden gleichzeitig zu Schwarzmarkthaien erklärt, die sich an der Not der Bevöl­kerung bereichern wollten. Die Polizei startete verstärkte Schwarzmarkt-Razzien, die u.a. die Roma trafen, und in der gesteuerten offiziellen rumänischen Presse (aber auch in den anderen Medien) verstärkten sich die Kampagnen gegen die Roma.

Hier greifen die staatlich inszenierte Kampagne gegen die Roma und die in der rumänischen Gesellschaft vorhandene Abneigung gegen die «Zigeuner» ineinan­der. Die Ablehnung der «Zigeuner», die immer - zumindest latent - vorhanden war, konnte durch die staatliche Sanktionierung zu einem offenen, aggressiven Ausschluß aus der Gesellschaft mutieren.

Diese offiziellen Kampagnen als ein Teil der Schikanen, erlaubten es erst be­stimmten Teilen der Bevölkerung, ihren über Jahrzehnte angesammelten Unmut über die unhaltbaren Mißstände in Gesellschaft und Ökonomie auf die Roma zu projezieren. Die «offizielle» staatliche Diskriminierung ist dabei die vielleicht sogar leichter zu ertragende. Behördlicher, staatlicher Unterdrückung und Verfolgung ist leichter entgegenzuwirken, weil sie einfacher einzuschätzen ist, und die Unterdrücker auszumachen sind: Die staatlichen Repressionsorgane.

Was viele Roma die jetzige Lage schlechter einschätzen läßt, als sie unter Ceausescu gewesen war, ist die perfide Tatsache, daß es unter Ceaucescu eine staat­lich legitimierte und kontrollierte Gewalt war, die sich gegen sie richtete. Unter den jetzigen politischen Umständen sind sie jedoch zusätzlich einer «privatisier­ten» Gewalt ausgesetzt, die auch von offiziell staatlich unabhängigen Organisatio­nen wie der «vatra romaneasca» ausgeht. Die «vatra» ist die Speerspitze des wiedererwachten radikalen und aggressiven rumänischen Nationalismus, die ihre Aufgabe vor allem darin sieht, den «heiligen rumänischen Boden» von Ungarn und «Zigeunern» zu befreien. In einer Gesellschaft, die von Gewalt geprägt und in der die Ablehnung der Roma weit verbreitet ist, können solche chauvinistisch-rassistischen Überlegungen auf einen fruchtbaren Boden fallen. Es ist jedoch nicht nur die wirklich ausgeübte körperliche Gewalt von Anhängern der «vatra» gegenüber Angehörigen der Roma, sondern daß in ihren bzw. ihr na­hestehenden Publikationen durch rassistische Äußerungen der Boden bereitet wird, auf dem die Gewalt wachsen kann.

In diese Kategorie der Unterdrückung und Verfolgung gehören auch die Aus­schreitungen der Bergarbeiter in Bukarest im Juni. Die Bergarbeiter, vom lliescu-Regime nach Bukarest gerufen, um die Demonstrationen für Demokratie auf dem Universitätsplatz zu zerschlagen, zogen «nebenbei» noch prügelnd durch die Romaviertel der Hauptstadt. Eine Aktion, die staatlich gelenkt war, doch als priva­te Eigeninitiative der Bergarbeiter ausgegeben wurde.

Diese staatlich inszenierte bzw. geduldete Kampagne hat auch die Hemmschwellen der Zivilbevölkerung außer Kraft gesetzt. Es häufen sich die «spontanen Erregungen des Volkszorns», die sich in Angriffen gegen Angehörige der Roma-Minderheit äußern. Sie werden aus ihren Dörfern vertrieben, ihre Häuser abgebrannt und ihre gesamte Habe vernichtet.

Im Lande wurde ein Klima geschaffen, daß es jedem erlaubt, Roma als nicht ebenbürtig zu behandeln. Die öffentliche Verleumdung der «Schokoladefarbenen» oder der «Braunhäuti­gen» als die Schwarzmarkthaie, die die rumänische Wirtschaft zerstören und die staatlicherseits sanktionierten Überfälle auf Romaviertel oder -dörfer sind die ei­ne Seite ihrer alltäglichen Diskriminierung. Die andere Seite sind die kleinen Bos­heiten gegen Roma, wenn sie aus Läden geworfen werden oder ihre Kinder die Schule verlassen müssen und die Überfälle und Angriffe von Privatpersonen auf einzelne Personen oder ganze Dörfer. Diese Privataktionen brauchen keine polizeilichen Untersuchungen oder gerichtli­che Verfolgungen zu befürchten, denn die daran beteiligten Personen wissen, daß dies geduldet wird.

Diese mehrfache Verfolgung ist das tragische Dilemma nicht nur der Roma in Rumänien, sondern auch in Jugoslawien, und in Ansätzen in allen anderen Län­dern der Welt. Die Roma selbst sprechen größtenteils weniger von organisierten Schikanen ge­gen sie. Ihrer Meinung nach handelt es sich hierbei mehr um individuelle Willkür, wobei auch regionale Unterschiede zu verzeichnen sind. In einigen Städten gäbe es keinerlei Schwierigkeiten für sie, in anderen müssen sie hingegen immer da­mit rechnen, irgendwelchen Maßnahmen ausgesetzt zu werden.

Es ist diese Ungewißheit und Unsicherheit, die viele verzweifeln läßt. Sie sind für den Staat und für die Gesellschaft eine Manipuliermasse geworden, die bei Bedarf benutzt werden kann. Dies zeigte sich vor den Wahlen, als sie für den Stimmenfang gebraucht und nach den Wahlen als «Sündenbock» mißbraucht wurden. In der Bevölkerung selbst, zeigt sich diese Einstellung bei ihrer Ein­schätzung der Roma als Schwarzmarkthaie und als Verantwortliche für den deso­laten Zustand der rumänischen Wirtschaft. Denn solange die Roma den Markt mit den benötigten Waren belieferten, waren sie geduldet, wenn nicht sogar ak­zeptiert.

Diese Einstellungen und Verhaltensweisen lassen viele Roma für die Zukunft das Schlimmste befürchten. Sie wissen - und ihre Geschichte belegt es -, daß es für sie sinnlos ist, sich an Behörden zu wenden oder auf die Verletzung ihrer Rechte öffentlich aufmerk­sam zu machen. Sie wissen, daß dem in der rumänischen Öffentlichkeit eine weit verbreitete Abneigung und Ablehnung gegenübersteht und daß sich die öf­fentliche Stimmung immer stärker gegen sie richtet und daß die düstere Aus­sicht, die Rolle des Sündenbocks in der rumänischen Gesellschaft zugewiesen zu bekommen, bereits Wirklichkeit geworden ist. Und sie wissen auch, daß die außerrumänische Öffentlichkeit weiterhin tatenlos zusehen wird, weil sie in keinem Land anerkannt sind und es ja bloß «Zigeuner» sind, die verfolgt werden.

Am 1. November 1992 tritt das «bilaterale Abschiebeabkommen» zwischen
Deutschland und Rumänien in Kraft. Bislang gab es keine lautstarken Proteste oder Stellungnahmen. Es ist zu befürchten, daß die Abschiebeaktion zwar von verbaler Ablehnung, aber aktiver Neutralität begleitet wird.

Brigitte Mihok, Stephan Müller, Berlin, den 30. September 1992

Hinweise

  • Gundula Fienbork/Brigitte Mihok/Stephan Müller (Hg): «Die Roma -Hoffen auf ein Leben ohne Angst» rororo aktuell - März 1992
  • Vgl. «Adevarul» vom 5.6., 27.7., 28.7., 5.8., 9.8., 10.8., 17.8., 26.8.1990; «Zig-Zag» vom 16.-22.10. und 5.-11.11.1990; Kritischer Bericht in «Romania Libera» vom 10.8.1990.
  • Gewalttätige Übergriffe und Pogrome fanden beispielsweise zwischen dem 13.- 15. Juni 1990 in Bukarest (in den Roma-Vierteln Ferentari, Tei, Rahova, Panteli­mon und Sulea) statt, sowie im Oktober 1990 im Dorf Mihai Kogalniceanu (hier wurden zahlreiche Romahäuser niedergebrannt und die Romafamilien aus dem Dorf gejagt). Nach Angaben der «International Helsinki Federation For Human Rights» wurden in Rumänien zwischen Dezember 1990 und Mai 1991 in 24 Dör­fern die Roma-Viertel überfallen, die Häuser abgebrannt und die Bewohner ver­prügelt und vertrieben. Meist war es eine aufgebrachte Menge von einigen hun­dert oder tausend Menschen, die in kollektiver Lynchjustiz vorgebliche Straftaten einzelner Roma rächen wollten. Die lokalen Behörden und Autoritäten waren entweder nicht in der Lage oder nicht willens, dagegen einzuschreiten. Die Po­grome wurden nur halbherzig oder gar nicht geahndet.