Roma und Sinti in der US-Presse

Das Bewußtsein über Roma/Sinti basiert auf jahrhundertealten Stereotypen. Diese Bilder reichen vom romantischen, sorglosen Wanderer bis hin zum unehrlichen Schurken und Kinderdieb. Beide Pole minimieren unsere Unterdrückung und setzen uns als Menschen herab. Der Mangel an Wissen über die tatsächlichen Erfahrungen der Roma/ Sinti führt direkt zu Mißverstehen und Diskriminierung. Die Nahrung für Vorurteile wird von den Medien geliefert. Obwohl die Journalistinnen dafür verantwortlich sind, der Öffentlichkeit wirklichkeitsgetreue Information zu vermitteln, stellen sie, abgesehen von sehr wenigen Ausnahmen, Roma/Sinti falsch dar und perpetuieren negative und hetzerische Stereotypen. Sie brandmarken alle Roma/Sinti als Kriminelle, obwohl Statistiken zeigen, daß Zigeunerinnen (mit »Zigeunerinnen« übersetze ich hier das englische Wort »gypsies«, das von der Verfasserin dieses Artikels wiederholt gebraucht wird, I.G.) nicht häufiger des Diebstahls überführt werden als irgendeine andere Gruppe und sehr viel seltener an gewalttätigen Verbrechen beteiligt sind.

Das Stereotyp des Zigeuners als einem Dieb wird dadurch verstärkt, daß es von den Medien absichtlich ausgeschlachtet wird. Die Bilder werden so gewählt, daß die Öffentlichkeit unempfindlich, ja sogar ahnungslos in bezug auf die Lage der Roma/Sinti bleibt. Die Medien haben kein Interesse an einer wahrhaften Darstellung der Roma/Sinti. Die Romani Media Watch und der Romani-Rat der Vereinigten Staaten versorgen die Medien eifrig mit Information, aber diese Information wird als unwichtig abgetan. Journalistinnen locken lieber Leserinnen mit Sensationen an. Fragen, die Rassismus oder die tatsächlichen Erfahrungen von Roma/Sinti betreffen werden nicht als berichtenswert betrachtet.

Das Wall Street Journal veröffentlichte einen Artikel, der impliziert, daß Romani nicht eine ethnisch bestimmte Gruppe sind, sondern eher durch kriminelles Verhalten definiert werden.

In letzter Zeit wurden mehrere in empörender Weise gegen Romani rassistische Bücher veröffentlicht. In einem werden Romani »Künstler, Lügner und Diebe« genannt und die »Zigeuner-Amerikaner« werden zu »einer Nation vereinigt in der Straßenkriminalität« erklärt (Anspielung auf den US-amerikanischen Flaggeneid, in dem die USA als »one nation united in god«, d. h. »eine Nation vereinigt in Gott«, bezeichnet werden, I.G.). In den USA sind die Zigeunerinnen die einzige ethnische Gruppe, gegen die rassenspezifische Gesetze existieren. Gypsy Crime Squads (Spezialeinheiten für Zigeunerkriminalität), die alle Zigeunerinnen als Kriminelle brandmarken, gibt es in den meisten größeren Städten. Irreführende Artikel und Schundromane machen die Menschen unzugänglich für die Unterdrückung der Romani und ermöglichen es, daß solche Ungerechtigkeiten existieren.

Stories über Romani, die daran arbeiten, Vorurteile abzubauen, oder Rassismus entgegentreten, werden von den Medien ignoriert. Über die vielen Demonstrationen, die überall in den Vereinigten Staaten vor den deutschen Konsulaten abgehalten wurden, um gegen Deutschlands Entscheidung, Romani zu deportieren, zu protestieren, wurde in den Medien nicht berichtet

Die Gewalt gegen Zigeunerinnen ist in ganz Europa eskaliert. Der Zusammenbruch des Kommunismus erlaubte die Aufdeckung von tiefsitzenden ethnischen Feindseligkeiten. Die Zigeunerinnen gehörten zu denen, die im neuzeitlichen Europa sehr viel zu leiden hatten. Doch immer noch wird die Öffentlichkeit von den Medien zu dem Glauben verleitet, daß die Zigeunerinnen diese Gewalt selbst verursachen.

In der internationalen Ausgabe von NEWSWEEK erschien kürzlich ein Sonderbericht: »The Romani Enigma«. Der Verfasser fragte Informationen zur Lage der Zigeunerinnen beim Romani-Rat der Vereinigten Staaten an, die er auch erhielt. Das Magazin beschloß, diese Informationen nicht zu beachten und sich statt dessen auf veraltete und/oder ungenaue Informationen über Romani zu stützen. Die Stimmung in diesem Artikel zielte darauf ab, die Opfer zu beschuldigen. Es gab keinerlei Recherchen über die historischen Bedingungen der Sklaverei, Unterdrückung und den Genozid von Roma/Sinti in Europa, die unsere gegenwärtige Lage bestimmen.

Es gibt in den Vereinigten Staaten keinerlei Berichterstattung über das, was mit den Zigeunerinnen überall geschieht, auch nicht nachdem Helsinki Watch erklärte, daß der Haß auf die Zigeuner das Element ist, daß Europa vereinigt.

Wir Romani hängen von unserem eigenen Untergrund ab, wenn wir wissen wollen, was mit unseren Leuten in Deutschland, Bosnien, Rumänien, Ungarn ... geschieht. In einigen Fällen werden in den US-Medien die Nachrichten vorsätzlich verfälscht. So wurde beispielsweise in einem Artikel der NEW YORK TIMES vom 6. Dezember 1992 behauptet, daß die Vietnamesen fürchten, daß sie bald die erste ethnische Gruppe sein werden, die aus dem vereinigten Deutschland abgeschoben wird ... wenn überhaupt, dann nur wenige Zigeuner wurden deportiert. Damit wurde absichtlich die Tatsache übergangen, daß bereits bis zum 25. November 1992 viele Zigeunerinnen aus Deutschland nach Rumänien deportiert worden waren.

Roma/Sinti werden beständig ausgebeutet, um den Märchen für Kinder mehr »Farbe« zu verleihen, oder um sensationelle Kriminalgeschichten zu produzieren. Wenn es um wahrheitsgetreue Berichterstattung oder die verantwortliche Analyse von Rassismus generell oder gegen Zigeunerinnen im Besonderen geht, dann sind die US-Medien nicht interessiert.

Es ist diese Einstellung, die dazu führt, daß die Romani weiterhin zu den am wenigsten verstandenen und am meisten verachteten Menschen in der Welt gehören. Bei den Nürnberger Prozessen sagte ein Nazi-Offizier: »Warum nicht Zigeuner töten? Das interessiert doch niemand.« Auch heute scheint das wenig zu interessieren. Viel von der Verantwortung für diese unrechte Einstellung liegt in den schmutzigen Händen der Medien, die absichtlich Stereotypen und Mißverstehen ausbeuten.

Morgan Ahere Red Bandana. Seattle /USA 19 April 93

(Übersetzung Irmgard Geyer)